Das Hochmoor bei Gottesgab (Boží Dar)

Heute ist es regnerisch und kalt, das Wetter fühlt sich bei Temperaturen etwas unter 10°C novemberartig an. Das liegt zum einem an dem Tief Gislinde, welches nach wochenlanger Trockenheit den langersehnten ergiebigen Regen nach Ost- und Norddeutschland brachte und zum zweiten an der Lage des Wanderziels.

Nachtrag: Dieser Regen wird – von ein paar einzelnen Gewittern abgesehen – der letzte ordentliche Guss für viele Wochen sein. Mitte August habe ich bei 35°C im Schatten noch voller Wehmut an diesen erfrischenden Tag zurückgedacht.

Gottesgab (Boží Dar)

Von Oberwiesenthal, der nur zwei Kilometer entfernt liegenden höchstgelegenen deutschen Stadt kommend, erreicht man nur ein paar Schritte hinter der Grenze den Ort Boží Dar, die höchste Stadt des gesamten Erzgebirges. Sie liegt auf 1028 Metern Höhe und damit noch mal reichlich hundert Meter höher als Oberwiesenthal (914m). [1][2]

Auf dem Erzgebirgskamm ist das Klima rau. Freiwillig hat sich in grauer Vorzeit niemand hier oben ansiedeln wollen. Davon abgesehen, dass das Erzgebirge früher mal dicht bewaldet war, ermöglichen Klima und Böden in den Kammlagen keine üppigen landwirtschaftlichen Erträge. Aber das “Berggeschrey” und der Silberbergbau im Erzgebirge lockte die Menschen damals auch in eher unwirtliche Gegenden. Das Berggeschrey war die erzgebirgische Variante des kalifornischen Goldrauschs.

Eine Sehenswürdigkeit des kleinen Örtchens mit gerade mal 244 Einwohnern, welches seit 2006 (wieder) Stadtrecht hat, ist die Barockkirche St. Anna aus dem Jahre 1772. [1] Dort wurde aber gerade gebaut.

Anton Günther

Der bekannteste Sohn des Ortes ist Anton Günther. Auf dem Weg durch die Stadt durchqueren wir einen kleinen Park mit einem Gedenkstein, der 1936 anlässlich seines 60. Geburtstages (noch zu Lebzeiten) errichtet wurde.

Anton Günther war ein Heimatdichter und Sänger,  der auch außerhalb der Grenzen des Erzgebirges bekannt sein sollte.

Boží Dar war sein Geburts- und langjähriger Wohnort. Aus seiner Feder stammen einige der bekanntesten Volkslieder des Erzgebirges.

Wu de Wälder haamlich rauschen
Of de Barg, do is halt lustig,
of de Barg, do is halt schie
Do scheint de Sonn an allererschten,
scheint se aah an längsten hie.
Wu de Wälder haamlich rauschen,
wu de Haad su rötlich blüht,
mit kann König mächt ich tauschen,
weil do drum mei Haisel stieht!

Anton Günther, 1905

 kompletter Liedtext

Weitere bekannte Titel Günthers sind der “Der Schneeschuhfahrermarsch”, “Arzgebirg, wie bist du schie” oder “Feierobnd”. In seinen Liedern beschreibt er seine Heimat, die Natur und das Leben und Befinden der einfachen Leute.

1937 schied er freiwillig aus dem Leben, auf dem Friedhof in Boží Dar wurde er beigesetzt. Die Erinnerung an den großen Künstler lebt überall im Erzgebirge in Platz- und Straßennamen oder den vielen Gedenksteinen weiter. Seit 1995 gibt es den grenzüberschreitenden Anton-Günther-Wanderweg. Er verläuft hier oben in der Kammregion zwischen Sachsen und der Tschechischen Republik.

Doch ich schweife ab, es gibt heute ein botanisch interessantes Wanderziel. Nach der Durchquerung des kleinen Städtchens folgen wir der Straße von Boží Dar (Gottesgab) nach Horní Blatná (Platten) auf dem parallel verlaufenden Rad-/Fußweg.

Die höchsten Gipfel des Erzgebirges

Das Gottesgaber Moor befindet sich samt dem namensgebenden Ort auf einer Hochebene. Beim Blick zurück in östliche Richtung sehen wir den Keilberg (Klínovec), bzw. genaugenommen sehen wir ihn nicht. Der Gipfel hüllt sich gerade in eine dicke Nebelschwade. Vor uns, in südwestlicher Richtung erhebt sich der Spitzberg (Božídarský Špičák). Der Keilberg ist der höchste Berg des Erzgebirges, während der Fichtelberg mit 1215 Metern der höchste Gipfel des deutschen Erzgebirges und Sachsens ist. Der Spitzberg erreicht 1115 Höhenmeter.

 

BergHöhe über NHN
Klínovec/ Keilberg
1244m
Fichtelberg1215m
Božídarský Špičák /Gottesgaber Spitzberg1115m
Meluzína/ Wirbelstein1094m
Blatenský vrch/ Plattenberg1043m
Eisenberg1029m
Plešivec/ Pleßberg1028m
Auersberg1018m

Karte und Tabelle: Die höchsten Gipfel des Erzgebirges (nach [3])

Ein Bach begleitet uns, er mündet ein paar Schritte hinter dem Einstieg ins Hochmoor in das Schwarzwasser (Černá). Der Fluss entspringt auf deutscher Seite im Fichtelberggebiet, plätschert eine Weile über tschechisches Gebiet um dann bei Johanngeorgenstadt wieder nach Sachsen zurückzufließen. Linkerhand liegt schon das Wanderziel vor uns.

Das Gottesgaber Hochmoor (Božídarské rašeliniště)

Wir erreichen einen Informationspunkt, an dem sich auf der anderen Straßenseite der Einstieg ins Hochmoor befindet.

Seit den 1970er Jahren ist das Moor durch einen Lehrpfad erschlossen, mehrere Tafeln unterrichten über Flora, Fauna und Geschichte des Areals.

Keine Angst, wessen tschechische Sprachkenntnisse eingerostet sind – für den sind die Informationen auch in Deutsch und wer es internationaler mag auch in Englisch abgedruckt. Ebenso sind die Tafeln des Lehrpfades im Hochmoor dreisprachig ausgeführt.

Wie in so vielen Mooren wurde auch hier Torf abgebaut, welches für Heizzwecke genutzt wurde. Erst nach dem Ende des 2. Weltkrieges wurde der Torfabbau eingestellt. Seit 1965 ist die Fläche als staatliches Naturreservat geschützt. Das Schutzgebiet ist mit 929 Hektar Ausdehnung das größte im Erzgebirge.

Im Hochmoor

Der graue und trübe Himmel ist meiner Erfahrung nach von der Stimmung her für einen Moorbesuch sehr passend. Also – los geht’s!

Die nächsten knapp zwei Kilometer folgen wir einem komfortablen Bohlenweg. Der Lehrpfad war vor Jahren wegen der Baufälligkeit des Knüppeldamms für längere Zeit gesperrt gewesen, präsentiert sich heute aber in tadellosem Zustand.

Das Klima im oberen Erzgebirge ist durch seine kühlen Temperaturen und hohen Niederschläge geeignet für das Entstehen von Hochmooren. Entscheidend für die Entwicklung und Funktion eines Moores ist aber auch ein unscheinbares Pflänzchen, das Torfmoos. Mehr Informationen zum Entstehen eines Hochmoores gibt es hier:

 Torfmoose

Das Torfmoos wächst in verschiedene Arten, welche sich durch den Laien aber nur sehr schwer unterscheiden und bestimmen lassen.

Einfach sind die verschiedenen Kleinsträucher HeidelbeereRauschbeere und Preiselbeere zu unterscheiden, welche hier in rauen Mengen wachsen. Die Schwarze Krähenbeere und die Gewöhnliche Moosbeere sind dagegen deutlich seltener zu finden. Alle genannten Arten sind nahe Verwandte aus der Familie der Heidekrautgewächse Ericaceae.

Im Geäst einer abgestorbenen Fichte macht sich ein Fichtenkreuzschnabel zu schaffen. Ein bemerkenswerter Vertreter der hiesigen Vogelwelt ist übrigens das Birkhuhn, welches auf dem Erzgebirgskamm eines seiner letzten Rückzugsgebiete findet. Hier gibt es noch relativ große dünn besiedelte Gebiete, insbesondere auf tschechischer Seite. Doch auch hier machen Straßen- und Siedlungsbau, Tourismus und Störungen durch Wintersportler dem seltenen und scheuen Hühnervogel das Überleben schwer.

Der Europäische Siebenstern ist leider schon verblüht. Das sind kleine zarte Pflänzchen, welche sich mit weißen Blüten aus sieben Blütenblättern schmücken (Name!). Der Sprossender Bärlapp ist eine immergrüne, ausdauernde Pflanze, welche kriechende mehrfach gabelig verzweigte Sprosse ausbildet. Beide Pflanzen fühlen sich auf feuchten sauren Böden wohl.

Zwerg-Birke

Hier kommt nun die in meinen Augen größte botanische Besonderheit dieses Hochmoores: Die Zwerg-Birke Betula nana.

Die Zwerg-Birke ist ein 20 bis 80cm hoch wachsender sommergrüner Strauch, bzw. Zwergstrauch. Er wächst stark verzweigt und trägt kleine rundliche Blätter, welche wechselständig angeordnet sind.

Die Zwerg-Birke hat eine arktisch-alpine Verbreitung und ist bei uns in Deutschland nur sehr selten zu finden. Punktuelle Vorkommen gibt es im Alpenvorland, Erzgebirge und Harz. Der Zwergstrauch ist auf besonders kühle Standorte beschränkt und gilt als Eiszeitrelikt. Er ist nach der Bundesartenschutzverordnung eine besonders geschützte Art. Hier auf der tschechischen Seite scheint sich die Zwerg-Birke aber wohl zu fühlen und wächst mit vielen kräftigen Exemplaren.

Weitere in der Region vorkommende Kaltzeitrelikte, welche wir erst vor ein paar Tagen im Zechengrund auf deutscher Seite gefunden haben, sind:

Wieder zurück

Am Ende des Weges ist man praktisch wieder zurück in Gottesgab, für den Weg durch das Moor ist etwa eine Stunde einzuplanen.

Bei entsprechender Ausdauer kann eine Wanderung durch den Zechengrund bei Oberwiesenthal mit der eben beschriebenen Wanderung verbunden werden.

Karte

 

GPS-Daten Wanderung downloaden

Quellen

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Bo%C5%BE%C3%AD_Dar

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Oberwiesenthal

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Bergen_im_Erzgebirge

Das Hochmoor bei Gottesgab
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