Wanderung durch das NSG Tote Täler bei Freyburg/ Unstrut

Wanderung durch das NSG Tote Täler bei Freyburg/ Unstrut

Die heutige Wanderung startet in Freyburg am Bahnhof. Entweder man kommt nach der Anreise mit der Bahn direkt vom Bahnhof gelaufen oder man konnte in der Freyburger Altstadt einen der raren Parkplätze ergattern. Rechts abschwenkend auf die Bundesstraße 176 Richtung Balgstädt sieht man schnell ein Wanderwegsschild nach Großwilsdorf, hier soll es entlanggehen! (siehe auch Karte am Seitenende)

NSG Tote Täler mit Orchideenpfad

Das Naturschutzgebiet Tote Täler umfasst die sogenannte Rödel-Hochfläche und deren abfallende Hänge in Richtung Unstrut und Hasselbach. Es liegt zwischen Freyburg, Balgstädt und Großwilsdorf, hat eine Fläche von 827 Hektar und ist Teil des Landschaftsschutzgebietes „Unstrut-Triasland“. Den größten, auch überregionalen Bekanntheitsgrad dürfte ein Abschnitt im Südwesten des Gebietes mit dem Orchideenwanderweg haben.

Es geht einen tiefen schattigen Hohlweg bergan. Es wachsen Sanikel, Lungenkraut, Haselwurz und Efeu. Wir treffen auf die ersten Orchideen, die allererste, es ist ein Bleiches Waldvöglein, leider schon verblühend. Vor der ersten Gabelung finden sich noch Blätter des Leberblümchens.

An der Weggabelung halten wir uns nach links, hier kommen noch Maiglöckchen und Duftende Weisswurz hinzu. Das Bleiche Waldvöglein gibt es wieder in mehreren Exemplaren, die Pflanze wird seitens der Orchideen ein ständiger Begleiter auf dieser Wanderung bleiben.

Einige Schritte später kann man links auf eine kleine Lichtung abbiegen, welche in voller Vormittagssonne liegt. Andere Bedingungen – andere Pflanzen: Wir sehen Schlehengebüsche und Schwalbenwurz, Diptam, Bergziest, Thymian, Zittergras, Sonnenröschen, Wiesen-Salbei u.v.m.. Dazu gibt es einen perfekten Ausblick zur Neuenburg.

Schloss Neuenburg

Hoch über Freyburg thront die Neuenburg mit ihrem Bergfried, dem Dicken Wilhelm. Sie wurde im Jahr 1090 gegründet. Der Dicke Wilhelm mit seinen 2,85 Meter dicken Mauern ist der einzige von insgesamt drei Rundtürmen, welcher noch erhalten ist.

Die romanische Doppelkapelle von 1180 – sie besteht aus zwei übereinander angeordneten Kapellen – ist eine architektonische Besonderheit der Neuenburg.

Im Schloss gibt es eine Dauerausstellung, welche den Besucher mit der Geschichte der Neuenburg und dem Leben der Thüringer Landgrafen bekannt macht. Ferner gibt es ein kleines Weinmuseum und eine Uhrenausstellung.

Weinbau an Saale und Unstrut

Auf dem weiteren Weg künden die Reste alter Trockenmauern von historischen Zeiten, in denen vielleicht auch an diesen Hängen Wein angebaut wurde.

In der Saale-Unstrut-Region, welche heute das nördlichste Weinbaugebiet Deutschlands ist, wird seit ungefähr eintausend Jahren Weinbau betrieben. Im 16. Jahrhundert – so schätzt man – hat die Rebfläche vielleicht 10000 Hektar betragen. Damals war Wein allerdings noch eine Art Grundnahrungsmittel, da normales Wasser oft verschmutzt und nicht haltbar war.

Schließlich folgten Kriege, Klimaveränderungen und Missernten und die Menschen tranken weniger Wein. Der Weinbau in der Region wurde unwirtschaftlich. Die 1835 gegründete Naumburger Weinbaugesellschaft sollte dem Saale-Unstrut-Weinbau zu neuem Glanz verhelfen.

1887 schlug dann die Reblaus auch in diesem Weinbaugebiet zu. Der Weinbauschädling wurde durch Rebstöcke aus Amerika eingeschleppt und breitete sich seit 1863 von Südfrankreich rasant in die europäischen Weinbaugebiete aus. Das Unglück hatte schnell seinen Namen bekommen: „Reblauskrise“ oder „Reblauskatastrophe“. Zur Bekämpfung wurden schließlich wiederum aus Amerika resistente Reben eingeführt, welche aus Unterlage für die heimischen Edelreiser dienten.

Trotzdem war die Rebfläche inzwischen auf 31 Hektar zusammengeschrumpft. Zur politischen Wende in der DDR betrug die Nutzfläche 200 Hektar und stieg seitdem wieder auf 640 Hektar an. [1]

Auf einer kleinen Lichtung fallen zuerst die Reste einer Silberdistel vom Vorjahr auf, auf den zweiten Blick sieht man auch Fliegen-Ragwurz und Stendelwurz. Nochmal 200 Meter weiter stehen wir am Draht eines Weidezaunes, vor uns liegt eine zu großen Teilen eingezäunte Hochfläche, genannt der Rödel.

Ein Schild macht darauf aufmerksam, dass die Fläche beweidet wird und man die freilaufenden Tiere nicht füttern soll. Betreten auf eigene Gefahr.

Allerdings wird nicht verraten, um welche Art von Tier es sich handelt. Diese Information wäre ja nicht ganz unerheblich für die Fluchtstrategie und ob ein gewisses Unbehagen statthaft wäre.

Durch eine rechteckige Öffnung im Zaun (siehe Fotos) steigt man in die Weidefläche ein. Wenn man denkt, dass man durch ist, klemmt man noch mit dem Rucksack fest. Zumindest fallen Ziegen und Schafe als unbekannte Weidetiere aus, die würden schließlich auch hier durch passen.

Hier wachsen Feld-Mannstreu, Kreuzblümchen und Zypressen-Wolfsmilch, dazu prägen viele  blühende wilde Rosensträucher das Bild der Landschaft. Wirklich hübsch anzuschauen!

Einen reichlichen Kilometer später fallen Betonplatten im Boden auf – irgendwas war hier früher mal gewesen?! Man erreicht schließlich einen Aussichtspunkt und dort machen ein paar Informationstafeln den interessierten Wanderer schlauer. Das Geheimnis um die ominösen Weidetiere wird ebenfalls gelüftet – es sind Koniks. Sie leben hier ganzjährig im kompletten Herdenverband mit Hengsten, Stuten und Fohlen.

Rödel

Der Rödel wurde in früheren Jahrhunderten als Weidefläche genutzt. Als Ackerland waren die Böden zu nährstoffarm. Während dieser Zeit entstand eine besondere Vegetation, welche auf die trockenwarmen und offenen Böden angewiesen ist. Wird die bisherige Nutzung eingestellt, stellen sich schnell konkurrenzstärkere Gräser und Stauden ein. Diese Allerweltsarten verdrängen die konkurrenzschwachen wertvollen Trocken- und Halbtrockenarten. Die Landschaft verbuscht zusehends um sich letztendlich wieder zu einem Wald zu entwickeln. Für nichtgenutzte mitteleuropäische Landstriche ist das – von Extremstandorten abgesehen – ein völlig normaler Vorgang. Hier würde langfristig ein Wald mit Buchen, Traubeneichen, Linden und Hainbuchen wachsen.

In der jüngeren Vergangenheit von 1952 bis 1992 wurde das Hochplateau von den Truppen der Sowjetunion, bzw. der GUS als Militärfläche genutzt. Nun fuhren Panzer im Manöver kreuz und quer und verhinderten eine Verbuschung und Bewaldung. Die Betonplatten sind Überbleibsel aus dieser Zeit. Nach dem Abzug der Militärs versuchte man eine Schafbeweidung, welche ab 2009 durch die Ganzjahresbeweidung mit den robusten Wildpferden abgelöst wurde.

Koniks

Die Koniks sind eine kleine, aber kräftige Pferderasse, welche hauptsächlich in Mittel- und Osteuropa Verwendung findet. Die Tiere wurden ab dem 19. Jahrhundert in Polen aus wildlebenden Pferden gezüchtet. Die ruhigen und genügsamen Tiere werden in der Landwirtschaft oder  zur Landschaftspflege eingesetzt.

Die Verhaltensregeln lauten

  • Abstand halten,
  • auf den Wegen bleiben (wie im gesamten restlichen NSG auch),
  • Hund an die Leine nehmen,
  • Tiere nicht anlocken und berühren,
  • Tiere nicht füttern.

Da die alten Wildpferde von Natur aus nur nährstoffarme Kost gewohnt waren, können die gutgemeinten Gaben bspw. von Brot, Mais oder Äpfeln zu schweren teils tödlichen Koliken führen. Wie so oft wäre „gut gemeint“ auch hier das Gegenteil von „gut gemacht“. Trinken können die Tiere an temporären natürlichen Wasserstellen oder an einer Tränke.

Jetzt geht es ein Stück durch den Wald (Große Probstei). Entlang des Waldrandes auf der Konikfläche käme man auch ans Ziel, aber die Sonne brannte heiß vom Himmel, deswegen die Schattenvariante.

Zu den schon entdeckten Arten gesellen sich Türkenbundlilien (leider erst mit Knospen), die Frühlings-Platterbse, Schwärzende Platterbse, Ährige Teufelskralle, Purpurblaue Steinsame, Großes Zweiblatt und ein Seidelbast.

Orchideenwanderweg

Ein Schild weist den Weg zum Orchideenwanderweg. Trotz dass die Hauptblütezeit der Orchideen schon zu Ende geht und es wochentags ist, entwickelt sich hier eine kleine Völkerwanderung.

Einen offiziellen Parkplatz gibt es nicht, aber wer aus Richtung Großwilsdorf mit dem Auto kommt, kann sein Gefährt am Wegesrand abstellen.

Kurz vor dem „Eintritt“ in den Orchideenwanderweg werden auf einer Tafel die hier wachsenden Orchideen vorgestellt:

Die zierliche Herbstwendelorchis oder Herbst-Drehwurz Spiranthes spiralis fehlt auf dem Schild, sie wächst aber erst später im Jahr wie der Name schon vermuten lässt. Ihre Blütezeit ist ab Ende August. Insgesamt sollen im gesamten Naturschutzgebiet „Tote Täler“ 25 Arten gedeihen.

Neben den Orchideen, wegen denen die meisten Gäste hier vorbeischauen, sollte man den vielen anderen, zum Teil ebenfalls seltenen Arten, gebührende Beachtung schenken. Als Beispiele seien das Große Windröschen, Hain-Wachtelweizen, Bunte Kronwicke, Wiesen-Salbei, Bergziest, Blutroter Storchschnabel, Kleiner Klappertopf, Kuhschelle, Wundklee und Golddistel aufgeführt.

Die Wege sind eingezäunt, um auch dem letzten klarzumachen, dass man hier nicht einfach drauflos latschen darf. Ansonsten ist die bunte Pracht irgendwann verloren. Nicht nur, dass bei aller Vorsicht letztlich doch kleine junge Pflänzchen zertreten werden. Allein die Verdichtung des Bodens ist der Pflanzenpracht schon abträglich.

Ende Mai/ Anfang Juni sind die Purpur- und Helm-Knabenkräuter schon am Verblühen, dafür konnte man beeindruckende Mengen der Spinnen-Ragwurz bestaunen.

Ein bekanntes Problem beim Erhalt solcher wertvollen Flächen ist u.a. die richtige Pflege. Wann und wie oft soll gemäht werden, ist maschinelle Mahd möglich oder Einsatz von Schafen oder Ziegen notwendig? Ein Wissenschaftler war vor Ort mit der Erfassung der Arten beschäftigt. Durch den Vergleich der unterschiedlichen Entwicklung bestimmter abgesteckter Vergleichsflächen soll erhoben werden, welche der Pflegemethoden den Vorzug bekommen soll.

Auf dem Rückweg geht es durch ein Waldstück namens Kleine Probstei. Dem aufmerksamen Wanderer wird anfangs ein großer Trupp Purpur-Knabenkraut auffallen. Weitere Seidelbaste folgen, vielleicht ist mittlerweile aber nur der Blick für die Kleinsträucher geschärft?

Nach dem Verlassen des Waldes befinden wir uns wieder auf der umzäunten Weidefläche und gehen Richtung Norden zu einem alten Steinbruch.

Am Steinbruch

Nanu, hat hier eben irgendwer gewiehert?

Tatsächlich, die Familie Konik steht im Steinbruch. Da haben sich die Tiere kurz vorm Ende der Wanderung also doch noch gezeigt!

In diesem aufgegebenen Steinbruch wurde früher Kalkstein gewonnen. Dieser wurde in Kipploren über eine Bremsbergbahn den Berg hinunter ins Tal gefahren.

Wieder zurück

Wieder im Wald angekommen geht es den Flemmingweg bergab zurück nach Freyburg.

Auf dieser Wanderung kann eine beindruckende Vielzahl von Arten beobachtet werden. Allein durch die vielen Biotopwechsel von Wald, Waldsaum, besonnten Hängen, Trockenrasen, Offenland und Feldrainen steigt die Artenzahl.

Es sind im Text bei weitem nicht alle Arten aufgezählt, spontan fallen mir Bärenschote oder Busch-Windröschen ein, welche ebenfalls eine Erwähnung verdient hätten. Im Verlaufe des Sommers – jetzt war es Ende Mai – werden sicher noch viele Arten dazukommen, welche sich jetzt noch nicht zeigten.

Karte

Karte mit Wanderzielen Karte mit Wanderzielen
GPS-Daten Wanderung downloaden

Quellen

[1] http://www.germanwine.de/weinanbaugebiete/weinanbaugebietsaale-unstrut/geschichte/ (Stand 2017)

NSG Tote Täler bei Freyburg/ Unstrut
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