Osterspaziergang an der Großen und Kleinen Striegis bei Berbersdorf

Start in Berbersdorf

Nach einer Woche, in der sich das Wetter nicht zwischen einem Rückfall in Herbst- oder Winterwetter entscheiden konnte, soll heute punktgenau zum Karfreitag den ganzen Tag die Sonne scheinen. Da bin ich ja gespannt.

Da der Himmel am morgigen Tag schon wieder grau in grau sein wird, sind dementsprechende Menschenmassen unterwegs. Auf dem Wanderparkplatz am Berbersdorfer Sportplatz – hier soll es losgehen – sammeln sich die einzelnen Wandergruppen.

Direkt am Wanderparkplatz berichtet eine Infotafel von einer Schafwollspinnerei, welche 1874 hier errichtet wurde. Die Maschinen der Spinnerei wurden mit dem Wasser der Großen Striegis angetrieben. Mehrere Jahrzehnte wurden die Gebäude dann unterschiedlich genutzt, verfielen seit der Wende zusehends und wurden letztendlich im Jahr 2000 komplett abgerissen.

Große Striegis

Der Weg führt uns am linken Ufer der Großen Striegis, einem Nebenfluss der Freiberger Mulde, entlang.

Die ersten gelben Blütentupfer stammen vom Scharbockskraut. Aber das botanische Interesse gilt vorerst einer kleinen Kalklinse nach der ersten Flussbiegung, welche Grundlage für ein Vorkommen des kalkliebenden Leberblümchens ist. Sie und einige Busch-Windröschen blühen auch schon. Sehr hübsch anzusehen, aber das ist nur das Vorgeplänkel zu den großen Beständen, welche wir am Ende der Wanderung an der Kleinen Striegis sehen werden. Hier gibt es auch einen Flecken mit Weißer Pestwurz, aber nur eine einzelne erste Knospe zeigt sich heute. Das kalte Märzwetter hat den Frühling doch sehr aufgehalten.

Wir nähern uns der Autobahnbrücke, welche hier die Große Striegis überquert. Das Rauschen des Verkehrs von der Autobahn A4 ist eine Weile unser Begleiter. Das Rauschen der Striegis wäre mir persönlich lieber, aber diese fließt hier sehr gemächlich und ruhig. Die Brücke wurde 1936 errichtet und überspannt das Tal mit einer Länge von 120 Metern in 43 Metern Höhe.

Der schmale Wanderweg führt zwischen einem Graben linkerhand und der Striegis rechts. Erinnert an einen Mühlgraben. Aha! Hier wurde vermutlich das Wasser für die Schafwollspinnerei abgezweigt.

Im Graben findet man Austrieb des Gefleckten Aronstabs. Wenn man fast unter der A4-Brücke ist, stehen die ersten Triebe Wald-Bingelkraut am Wegesrand. Einige Blätter der Roten Lichtnelke sind zu finden. Bis diese Pflanzen blühen, werden aber noch ein paar Wochen vergehen. Wenn ich mich recht entsinne wuchs auf dem Weg bis hierher auch Süße Wolfsmilch, aber die ist noch nicht soweit. Auch hier gibt es Sturmschäden aus dem letzten Herbst, bzw. Winter. Keine Ahnung ob Sturmtief Xavier, Herwart oder Friederike schuld an den umgefallenen Bäumen sind.

Nach der Unterquerung der A4 läuft man unterhalb eines steilen Hanges, welcher mit Hainbuchen, Eichen und Buche bewachsen ist. Ab hier hört man die Autobahn kaum noch, dafür singt die anwesende Vogelschar, besonders ein Zaunkönig und ein Grünspecht tun sich hervor.

Am nächsten Striegisknick fließt ein kleiner Bach in den Fluss und der Weg geht bergan durch einen unattraktiven Fichtenforst. Auch hier haben die Stürme Schäden angerichtet, welche aber schon fast wieder aufgeräumt sind. Einige Wurzelteller stehen noch senkrecht, dort wo mal der Wanderweg war. Schnell ist jedoch ein alternativer neuer Umgehungstrampelpfad entstanden und der alte Weg führt uns weiter zur Entenschnabel-Aussicht.

Entenschnabel-Aussicht

Was hat es mit diesem Entenschnabel auf sich?

Ein wenig Phantasie und ein Blick auf die Karte südlich der A4-Autobahnbrücke verraten es: Die Striegis fließt eine großzügige Schleife und die Draufsicht auf einen Entenschnabel ist fertig.

Der Aussichtspunkt thront oberhalb eines steilen Felsens. Es gibt eine Bank mit Tisch für eine kleine Rast. Dazu der Ausblick auf das Tal samt Umland und die A4.

Auf dieser sonnigen Kuppe dominieren wieder Hainbuchen und Eichen. Hier oben wächst in einigen Wochen ein imposanter Bestand an Maiglöckchen. Die monotonen Fichtenpflanzungen von vorhin sind in diesem Gebiet eher ein Ausrutscher, im allgemeinen dominieren hier Laubmischwälder.

Es geht wieder runter ans Wasser und nach links Richtung Pappendorf, mit etwas Glück und dem entsprechenden Suchblick kann man auch Seidelbast und weitere kleine Flecken mit Leberblümchen finden. Der Seidelbast zeigt zaghaft die ersten Blüten, aber so richtig geöffnet sind sie noch nicht. Der Kleinstrauch traut dem warmen Sonnenschein vermutlich noch nicht.

Am Straußenhof

Später führt der Weg an einem Feldrand leicht bergan zum Straußenhof Striegistal bei Pappendorf. Es macht Laune die großen Laufvögel eine Weile zu beobachten. Die Strauße sind doppelt eingezäunt, da die imposanten Tiere mit ihrem Schnabel wohl auch ordentlich zulangen können.
Die Straußenfarm bietet auch Führungen und Verkostungen an. Die Produkte lassen sich online oder im Hofladen erwerben. [1]

Ein Misthaufen sorgte für frische Landluft und eine Schar glücklicher Gackerhühner scharrte auf dem Boden nach Fressbarem. Ländliche Idylle. Der Osterschmuck muss unbedingt Erwähnung finden: Das sind Ostereier! Da kann freilich kein Hühnerhof mithalten! Wie viele Portionen Rührei sich wohl aus so einem Straußenei zubereiten lassen?

Nun geht es einen Hohlweg wieder hinunter zur Großen Striegis und über eine Brücke auf die andere Uferseite. Man beachte unbedingt die Hochwassermarke: So hoch standen Fluten im August 2002!

Es gäbe hier die Möglichkeit weiter flussaufwärts zu laufen und so eine weitere Runde um den Reitplatz in Pappendorf und das Hirschbachtal zu wandern. Aber heute geht es schon hier zurück nach Berbersdorf.

Tuchfabrik Pappendorf

In dieser Striegisschleife produzierte einst die Flanell- und Tuchfabrik Kirbach & Söhne Pappendorf Mantel- und Kleiderstoffe. Auch hier wurde anfangs das Wasser der Striegis als Antriebskraft genutzt. Nach dem Kriegsende wurden Schlaf- und Reisedecken hergestellt bis der mittlerweile verstaatlichte Betrieb 1990 unrentabel wurde. Das Augusthochwasser 2002 verursachte große Schäden an den Gebäuden, dass letztlich das gesamte Areal rückgebaut wurde. [2]

Auf der renaturierten Fläche zaubert heute der Huflattich gelbe Blütentupfer ins Gras. Einige Obstbäume, Schneeglöckchen und ein alter Rhododendron zeugen davon, dass zu dem Areal vermutlich auch mal Gärten gehörten.

Wattefabrik Kaltofen

Der größte Teil der Wanderung ist ein Rundweg, da es auf beiden Seiten des Ufers Wege gibt. Einen knappen Kilometer müssen wir nach der nächsten Brücke aber auf dem Weg zurück, auf dem wir vorhin gekommen sind. Später erreichen wir einen weiteren Rastplatz.

Wieder macht uns eine Informationstafel schlauer.

Im Laufe der Zeit wurden hier – zuletzt als VEB Wattefabrik Kaltofen – Verband- und Polsterwatte, Matratzen und Schlafsäcke hergestellt. Auch hier endet die plötzlich unrentabel gewordene Produktion im Jahr 1990, es folgten das Augusthochwasser und der Abriss. [2]

Ein dickes Lob an die Verantwortlichen: Wanderparkplatz, gepflegte Rastplätze, interessante Infotafeln, eine gute Ausschilderung und immer mal eine Bank zum Ausruhen – alles bestens.

Wer mehr Infos speziell zu den ehemaligen Industriestandorten sucht, findet auf der Webseite der Gemeinde Striegistal umfangreiche und sehr lesenswerte Informationen. [2]

Über die Brücke geht es auf die andere Uferseite und weiter striegisabwärts.

Farnfelsen

Botanisch interessierte Wanderer wissen, dass es sich an der Großen Striegis immer lohnt ein paar Blicke auf die Felsen zu richten. Speziell auf den etwas schattig gelegenen sind der Tüpfelfarn, der Braunstielige Streifenfarn und der unscheinbare Nördliche Streifenfarn zu entdecken.

Rechts unterhalb der Entenschnabelaussicht flüchten am anderen Ufer zwei Rehe. Bei den vielen Erholungssuchenden ist es für die Tiere heute sicher schwer ein ruhiges und ungestörtes Plätzchen zu finden.

Biberspuren

Wer aufmerksam die Gehölze am Ufer betrachtet, findet immer wieder typische Fraßspuren. An der großen Striegis sind die Biber seit einigen Jahren wieder beheimatet und mittlerweile bis nach Wegefahrt und Oberschöna vorangekommen.

Etwas Wegstrecke später sind wir wieder am Sportplatz, verlassen die Große Striegis, überqueren die Talstraße und wenden uns dem Tal der Kleinen Striegis zu.

FND Kalkbrüche

Zwischen einigen Häusern geht es bergan zum Flächennaturdenkmal “Kalkbrüche Berbersdorf”. Hier haben speziell kalkliebende Pflanzen ein Refugium gefunden. Sie und die naturnahen Laubmischwälder sind auf etwa 5 Hektar Fläche unter Schutz gestellt.

Die unzähligen Leberblümchen sind eine wahre Pracht. Da es in Sachsen nur wenig entsprechende Böden gibt, sind die hier zu sehenden großflächigen Bestände schon etwas Besonderes. Im Erzgebirge fehlt die Pflanze komplett. [3]

Das Leberblümchen ist eine mehrjährige Pflanze, wächst etwa 10 bis 15 Zentimeter hoch und hat dreilappige Blätter, welche zum Teil den Winter überdauern oder aber erst nach der Blüte erscheinen.

Die Blütezeit ist von März bis April. Die Pflanzen bieten keinen Nektar an, sind aber ein früher Pollenlieferant für Bienen und Schwebfliegen. Das Leberblümchen ist nicht mit anderen Blumen zu verwechseln, durch seine charakteristische Blattform ist es selbst nichtblühend leicht zu erkennen. Entsprechend der Signaturenlehre wurde es früher bei Nieren- und Gallenleiden eingesetzt. Die Blattform soll an eine Leber erinnern und deswegen dachte man im Mittelalter, dass die Pflanze bei entsprechenden Leiden hilft.

Wir gehen erst mal Richtung Gasthaus, unten sieht man schon das Flüsschen fließen. Links stehen die Überreste alter Kalköfen. Der Kalkabbau hat die Landschaft stark verändert: Pingen, Halden und steile Abbrüche prägen das Bild. Die Kalklöcher hinterm Gasthaus “Waldhaus Kalkbrüche” sind tiefe Höhlen, welche beim unterirdischen Kalkabbau entstanden sind. Sie sind nicht begehbar, aber man kann von oben einen Blick in die Tiefe werfen.

Am Gasthaus sind bei sonnigem Feiertagswetter erwartungsgemäß größere Menschenmassen versammelt. Die beliebte Ausflugsgaststätte hat auch eine kleine Tierhaltung, speziell für Kinder ist es dadurch hier sehr interessant. Wir vermissen heute die Esel, die sonst immer stoisch Wanderer und Trubel ignorieren.

Im Sommer oder Herbst sitzt es sich hier herrlich unter alten Bäumen im Biergarten. (Stand 2017: Dienstag und Mittwoch Ruhetag) [4]

Kleine Striegis

Der Weg führt uns runter ins Tal, jetzt laufen wir direkt am Wasser flussabwärts. Die Kleine Striegis entspringt bei Schönerstadt und Hausdorf und misst 23 Kilometer Länge. Von hier sind es nur noch wenige hundert Meter und sie fließt in die Große Striegis.

Bei wärmerem Märzwetter wäre jetzt schon die Schuppenwurz zu sehen. Eine Schmarotzerpflanze ohne Blattgrün, welche keine Photosynthese betreibt. Sie bezieht alle Nährstoffe mit Hilfe von Saugwurzeln aus den Wurzeln ihrer Wirtspflanzen.

Folgende Pflanzen werden den Frühlingsaspekt in den kommenden Wochen mitprägen:

Zusammenfluss von Großer und Kleiner Striegis

Am Ufer wehen die Fruchtstände des Ausdauernden Silberblatts im Wind. Links ist der Damm der ehemaligen Bahnlinie Roßwein-Niederwiesa. Bis ins Jahr 1998, bzw. 2000 gab es hier noch Personen- und Güterverkehr. [5]

Jetzt stehen wir am Zusammenfluss von Kleiner und Großer Striegis. Es gibt Sitzgelegenheiten von denen aus man den zwei Striegissen beim zusammenfließen zusehen kann. Genau genommen fließt die Kleine Striegis als Nebenfluss in die Große Striegis hinein, aber teilweise werden die kommenden 11 Kilometer Flusslauf auch nur Striegis oder auch Vereinigte Striegis genannt.

Bei Niederstriegis fließt das Striegiswasser – wie immer der Fluss auch genannt wird – in die Freiberger Mulde.

Flusssystem der Großen Striegis
Schema des Flusssystems der Großen Striegis [6]
Die beiden Striegistäler sind aufgrund ihrer botanischen und geographischen Besonderheiten Teil eines Natura-2000-Gebietes.

Natura 2000-Gebietes Striegistäler und Aschbachtal

Mehrere strukturreiche Talabschnitte, besonders hoher Artenreichtum, Felsbildungen mit Kalk- u. Serpentinvorkommen (in Sachsen selten) u. Bergwerksstollen, außerdem Buchen-, Eichen-Hainbuchen- u. Schluchtwälder, naturnahe Quellbereiche [7]

Für den Rückweg gibt es zwei Optionen. Entweder wieder zurück und bergan mit einem Abstecher zur Püschmannhöhe oder man bleibt im Tal und geht durch den Ort zurück zum Parkplatz. In der Karte ist die erste Option zu sehen.

Fotos

Die Fotos stammen nicht alle von der heutigen Wanderung, sind aber alle von den beschriebenen Fundorten aus den Monaten März oder April (Ausnahme: Foto „Brücke an ehemaliger Tuchfabrik Pappendorf“ Mai/2008). Je nach Witterung gibt es Ende März erhebliche Unterschiede in der Entwicklung der Pflanzen.

Noch ein paar Winterbilder: Winterwanderung an der Großen Striegis

Karte

Karte mit Wanderzielen Karte mit Wanderzielen
GPS-Daten Wanderung downloaden

Quellen

[1] http://straussenhof-striegistal.de/

[2] https://www.striegistal.de/gemeindeleben/historisches/industriegeschichte/

[3] http://www.floraweb.de/webkarten/karte.html?taxnr=2815

[4] http://www.waldhauskalkbrueche.de/

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Berbersdorf_(Striegistal)

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Striegishttps://de.wikipedia.org/wiki/Kleine_Striegis

[7] https://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/natur/natura2000/2285.aspx

Osterspaziergang an der Großen und Kleinen Striegis bei Berbersdorf
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