Tarnung, Mimikry und Mimese oder länger leben durch perfekte Täuschung

Das Leben in der freien Natur ist ziemlich gefährlich. Am unteren Ende der Nahrungskette muss man sich verschiedene Überlebensstrategien zurechtlegen, um nicht das Opfer eines Beutegreifers zu werden. Die Tiere am anderen Ende der Nahrungskette sind zwar vorm Gefressenwerden sicher, müssen aber selbst erfolgreich auf die Jagd gehen, wenn sie überleben wollen.

Die verschiedenen Tierarten haben sich deswegen im Laufe der Evolution so manchen Trick einfallen lassen, um ihr Überleben und das ihrer Art zu sichern. Schnell kommen einem zum Beispiel die skurrilen Fetzenfische in den Sinn, welche mit blattähnlichen Körperfortsätzen als Fisch nicht mehr erkennbar wie treibender Seetang durch tropische Gewässer schippern.

Chamäleons sind zu Farbwechseln fähig, welche durch Umwelteinflüsse wie Wärme oder Licht, sowie Empfindungen wie Hunger oder Angst hervorgerufen werden.

Gewöhnliches Chamäleon
Jemenchamäleon

Doch auch unsere einheimische Tierwelt hält so manchen Trick auf Lager. Manches mag vielleicht nicht so spektakulär erscheinen, wie die beeindruckenden Farbänderungen von Chamäleons oder Tintenfischen. Doch dafür lässt sich so mancher Kniff beim aufmerksamen Besuch der heimischen Natur oder im eigenen Garten beobachten.

Tarnung und Mimese

Eigentlich sind Tarnung und Mimese zwei verschiedene Dinge. Manchmal sind die Grenzen aber nicht mehr eindeutig (siehe Heidespanner weiter unten). Deswegen stehen beide Mechanismen unter einer Überschrift zusammengefasst. Aber der Reihe nach:

Wenn sich jemand tarnt, möchte er von seiner Umgebung nicht mehr wahrgenommen werden. Zum Beispiel müssen sich Beutegreifer an ihre Umgebung anpassen, um sich leichter an ein potentielles Opfer anschleichen zu können. Der eurasische Luchs soll als einheimische Art stellvertretend für die vielen anderen Arten wie Tiger oder Leopard stehen, welche ebenfalls ein Fell mit Flecken oder Streifen tragen. Die Fellfarbe bzw. -zeichnung bewirkt ein Verschmelzen des Tieres mit dem Untergrund oder der Umgebung.

Luchs
Luchs im Wildgehege

Bei der Jagd helfen dem Luchs Lynx lynx weiterhin seine sprichwörtlichen scharfen Sinne: Er kann ausgezeichnet hören und hat „Augen wie ein Luchs“. Luchse hetzen ihre Beute nicht. Sie müssen sich weit genug an ein Opfer anschleichen, um ihren Überraschungsangriff starten zu können. Mit wenigen Sprüngen erreichen sie das Beutetier und töten es durch einen Kehlbiss. Einleuchtend, dass ein signalfarbener Luchs nicht allzu glücklich werden würde.

Der grundlegende Unterschied der Mimese im Vergleich zur Tarnung ist, dass die täuschenden Tiere weiterhin gesehen werden können. Macht aber nichts. Sie imitieren nämlich

  • Tiere,
  • Pflanzen und Pflanzenteile oder
  • leblose Gegenstände (Steine)

und stellen so für ihre Feinde keine Nahrung dar und erscheinen dadurch schlicht uninteressant. Diese verschiedenen Mimesearten werden

  • Zoomimese,
  • Phytomimese bzw.
  • Allomimese

genannt.

Arten der Mimese
Arten der Mimese

Der Mondvogel Phalera bucephala ist zwar ziemlich häufig, aber in freier Natur kaum zu entdecken. Auf einem Ast sitzend (und einen abgebrochenen Zweig imitierend) wäre dieses nicht gerade clevere Exemplar mit Sicherheit nicht entdeckt worden.

Mimese beim Mondvogel Phalera bucephala

Diese Raupe spielt dem Fotografen ein vertrocknetes Blatt vor:

Spannerraupe an Acker-Vogelknöterich
Spannerraupe an Acker-Vogelknöterich

Typisch für eine Spannerraupe: Die Raupe hat sich „gespannt“ (Name!) und täuscht dem Betrachter durch die Abwinkelung des schnurgeraden Körpers einen kleinen Zweig oder ein Ästchen vor:

Spannerraupe
Spannerraupe

Hier wird es nun kompliziert: Betreibt der Heidespanner Ematurga atomaria, so wie andere Falter mit borkenähnlich gefärbten Flügeln nun Mimese oder tarnt er sich „nur“?
Dem auf einem Baumstamm sitzenden Heidespanner ist’s vermutlich egal, ob ihn potentielle Feinde gar nicht sehen können (Tarnung) oder ihn für einen Teil des Baumstammes halten (Mimese). Die Grenzen zwischen beiden Strategien verwischen hier.

Heidespanner Ematurga atomaria

Die Stabheuschrecke Baculum extradentatum ist ein Insekt, welches seine Feinde im fernen Südostasien verwirrt. Als ein oft strapaziertes Beispiel für die Mimese soll sie aber nicht unerwähnt bleiben. Die Stabheuschrecke versucht kleine Zweige nachzuahmen, um ihre Gegner hinters Licht zu führen.

Stabheuschrecke Baculum extradentatum
Stabheuschrecke Baculum extradentatum

Mimikry

Genauso wie bei der Mimese wird das täuschende Tier bei der Mimikry weiterhin gesehen.
Mimikry ist das Nachahmen von anderen Lebewesen, welche für potentielle Fressfeinde eine Gefahr bedeuten oder vielleicht nur unangenehm sind. Als Beispiele seien hier Giftigkeit, Stachel oder unangenehmer Geschmack genannt. Das Nachahmen bezieht sich auf Gestalt, Verhalten oder Färbung dieser Tiere.
Das Gesehenwerden ist sozusagen fast erwünscht, denn sonst wäre die ganze Mühe mit der Mimikry umsonst gewesen.

Die Raupe des Mittleren Weinschwärmers Deilephila elpenor fühlt sich bedroht: Der Kopf wird eingezogen und die Augenflecke täuschen jetzt eine kleine Schlange vor, um Feinde abzuschrecken.

Raupe des Mittleren Weinschwärmers Deilephila elpenor

Die auffällige Flügelfärbung des Tagpfauenauge Inachis io soll Fressfeinde glauben machen, dass sie einem viel größeren und damit wehrhafterem Tier, als einem Schmetterling vis-a-vis in die Augen schauen. Entweder der getäuschte Gegner verschwindet oder das Tagpfauenauge nutzt die Schrecksekunde für einen Fluchtversuch.

Tagpfauenauge
Tagpfauenauge Inachis io

Batessche Mimikry

Das ist keine Wespe, sondern eine Kleine Keilfleckschwebfliege Eristalis arbustorum. Das schwarz-gelbe Gewand der Schwebfliegen soll Fressfeinde, z.B. Vögel, glauben machen, dass sie eine wehrhafte Wespe vor sich haben. Von denen lässt man besser die Finger, bzw. den Schnabel. Im Laufe der Evolution hat sich die Schwebfliege dieses Gewand zugelegt. Jeder Vogel, welcher schon schlechte Erfahrungen mit einer Wespe gemacht hat, wird die harmlose Schwebfliege ebenfalls in Ruhe lassen.

Kleine Keilfleckschwebfliege Eristalis arbustorum
Mimikry bei der Kleinen Keilfleckschwebfliege Eristalis arbustorum

Schwebfliegen könnten nämlich gar nicht stechen, selbst wenn sie wollten, weil sie keinen Stachel haben. Diese Art der Mimikry wird nach ihrem Entdecker Batessche Mimikry genannt.

Schwebfliegen sind in der Natur oder im naturnahen Garten häufig zu beobachten. Sie sind wichtige Blütenbestäuber und ihre Nachkommenschaft vertilgt im Larvenstadium Dutzende Blattläuse pro Tag. In der Familie der Schwebfliegen gibt es viele Menge Arten, welche den „Wespen-Look“ tragen.

Müllersche Mimikry

Die Feuerwanzen Pyrrhocoris apterus haben eine verblüffende Ähnlichkeit mit der Zimtwanze Corizus hyoscyami im darauffolgenden Bild. Beide tragen fast die gleiche Warntracht. Viele Wanzenarten tragen Stinkdrüsen und sind so für Vögel unangenehm, bzw. ungenießbar.

Genaugenommen liegt bei dieser Art von Mimikry, der Müllerschen Mimikry, keine Täuschung vor, da beide Arten die gleichen schützenden Eigenschaften haben. Der Vorteil liegt darin, dass Fressfeinde, wenn sie sich erst an die Warntracht gewöhnt haben, alle anderen Arten mit der gleichen Färbung meiden. Die Feinde lernen somit schneller und bei relativ geringer Anzahl von Opfern innerhalb der eigenen Art diese Tiere zu meiden.

Feuerwanze Pyrrhocoris apterus
Feuerwanze Pyrrhocoris apterus
Zimtwanze
Zimtwanze Corizus hyoscyami

Die Blutbärraupe (Blutbär Tyria jacobaeae) betreibt weder Tarnung, Mimese oder Mimikry. Sie ist selbstbewusst und giftig genug, um grell leuchtend und unbehelligt durch die Natur zu kriechen.
Sie ernährt sich von Greiskrautarten, speziell dem Jakobs-Greiskraut Senecio jacobaea. Auf Grund der Inhaltsstoffe der Futterpflanze wird die Raupe ebenfalls giftig. Mit ihrem bunten Gewand warnt sie fairerweise potentielle Fressfeinde.

Andere Raupen könnten sich durch ähnlich auffallend bunte Färbung die Giftigkeit der Blutbärraupe zu Nutze machen. Mit dem Wissen von der Mimikry kann sich der Naturfreund jetzt bei jeder bunten Raupe fragen: Ist sie wirklich giftig oder tut sie nur so?

Raupe des Blutbär Tyria jacobaeae
Raupe des Blutbär Tyria jacobaeae

Peckhamsche Mimikry

Noch etwas aus der Rubrik „Vortäuschung falscher Tatsachen“. Hier dient die Täuschung, Peckhamsche Mimikry genannt, allerdings nicht zum Abschrecken, sondern zum Zwecke des Anlockens:

Fliegen-Ragwurz
Fliegen-Ragwurz

Die Fliegen-Ragwurz Ophrys insectifera ahmt mit ihrer Blüte weibliche Insekten nach. Doch nicht nur die Form soll Interessenten ködern. Um die Attrappe perfekt zu machen, verströmen die Blüten Sexualduftstoffe.

Insekten-Männchen lassen sich in Erwartung eines paarungsbereiten Weibchens anlocken. Irgendwann fällt dem veralberten Verehrer der Betrug auf, fliegt weiter und lässt sich von der nächsten Fliegen-Ragwurz verführen. Mit dem Verschleppen der Blütenpollen werden die Orchideen bestäubt. Und schon ist die Rechnung der Fliegen-Ragwurz aufgegangen!